Gastspiel Rückblick

„Leutnant Gustl“ zieht 50 Zuschauer in seinen Bann

Erst fünfzehn Minuten vor Spielbeginn wurde die Tür zum „Theatersaal“ - also dem großen Ausstellungsraum im Albert-König-Museum - geöffnet. „Eine Überraschung“ sollte den Zuschauern dort geboten werden und die kam tatsächlich. Anstatt der üblichen Sitzreihen vor einer Bühne fanden sich die Besucher in einer Art Caféhaus wieder, mit kleinen Bistrotischen und antiken Stühlen. Und wie das so ist in unerwarteten Situationen: Man reagiert verunsichert und abwartet. Zumal Leutnant Gustl, hervorragend gespielt von Hartmut Fischer, ebenfalls in dem Café saß – regungslos und mit kaltem, ernstem Blick.

Der Autor Arthur Schnitzler hat mit seinem 1900 erschienenen Stück „Leutnant Gustl“ die Technik des inneren Monologs in die deutsche Literatur eingeführt. Die ausgesprochenen Gedanken des Leutnants machten dann auch von Anfang an neugierig auf mehr. Er sinniert über Kultur, über Frauen und über das Militär. Inmitten seiner Gedanken wird er plötzlich von einem Bäckermeister „dummer Bub“ genannt. Gleichzeitig hält dieser Gustls Säbel fest. Auf diese Beleidigung hin beschließt Gustl, sich das Leben zu nehmen, so wie es die Offiziersehre gebietet. Im Anschluss streift Gustl durch das nächtliche Wien und lässt in Gedanken seine Beziehungen zu Frauen, zu seinen Eltern und seiner Schwester passieren. Er hadert mit seinem Schicksal das ihm nun vorschreibt, sich früh am nächsten Tag umbringen zu müssen.

Während des gesamten Stückes ließ es Hartmut Fischer nicht zu, dass sich der Zuschauer mit Leutnant Gustl all zu sehr identifiziert. Aussagen wie „Es gibt Juden, denen merkt man es gar nicht an“, „Die Rechtsverdreher sind doch heutzutage alle Sozialisten“ oder „Einen Krieg hätte ich gerne noch mitgemacht“ offenbarten einen erzkonservativen und auf Klischees und Vorurteilen gestützten, von extremen Minderwertigkeitskomplexen geplagten Charakter. Nur in ganz kurzen Augenblicken kam so etwas wie Mitleid und Mitgefühl auf, zum Beispiel als er sich die Frage nach dem Sinn seines Lebens stellte oder ob ihn seine Familie eigene wirklich kennen würde.

Als sich zum Schluss des Stückes herausstellte, dass der Bäckermeister noch in der gleichen Nacht seiner Beleidigung einem Schlaganfall erlegen war und Leutnant Gustl daraufhin innerlich in euphorischen Jubel verfiel, wurde nur allzu deutlich, dass sich der Leutnant wohl niemals ändern werde.

Das Publikum im Albert-König-Museum dankte Hartmut Fischer für seine beeindruckende Leistung, die widersprüchlichen Gedanken und das Konglomerat verschiedenster Empfindungen eines Menschen in ausdrucksstarke und gefühlsgeladene Worte zu fassen, mit lang anhaltendem Applaus. Schön zu sehen, was im Unterlüßer Museum so alles möglich ist.

 


 

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